Ein alter Laptop, Linux und Pi-hole: Digitale Medienkompetenz für Kinder

Wie ein restaurierter Laptop mit Ubuntu und Pi-hole zum ersten Computer eines Kindes wird - eine Reflexion über Open Source, Kontrolle vs. Freiheit und digitale Begleitung.

TL;DR: Ein restaurierter Laptop mit Ubuntu und Pi-hole als erster Computer für mein Kind. Linux zeigt, dass es Alternativen zu den grossen Konzernen gibt. Aber die eigentliche Herausforderung ist nicht die Technik, sondern die Begleitung: Cybermobbing, Doom-Scrolling, KI-generierte Inhalte. Mein Ansatz: Begleiten statt kontrollieren.

Der Anlass

Als mein Kind von der Schule Zugangsdaten für verschiedene digitale Lerntools bekam, kam der Moment schneller als erwartet: Es war Zeit für den ersten eigenen Computer.

Bisher hatten wir ein Familientablett, das wir gelegentlich für Lerntools oder zum Geschichten hören nutzten. Ich versuchte, dessen Nutzung einzuschränken – doch schnell war ich selbst überfordert und verlor den Überblick über die verschiedenen Einstellungen und Möglichkeiten, so dass ich es offen liess. Aber was dann?

Die technische Lösung

Meine Antwort: Ein restaurierter Occasions-Laptop mit Ubuntu 24.04, geschützt durch ein Pi-hole. Für alle, die mit diesen Begriffen nichts anfangen können: Ubuntu ist ein freies, quelloffenes Betriebssystem – eine Alternative zu Windows oder macOS. Pi-hole ist ein Netzwerk-Tool, das als DNS-Filter fungiert und unerwünschte Inhalte, Tracker und Werbung bereits auf Netzwerkebene blockiert, indem der Name unerwünschter Server gar nicht erst aufgelöst wird. So bleibt zumindest der gröbste unsichere Teil des Internets fern.

Warum Linux?

Die Wahl für Linux ist bewusst. Ich bin ein grosser Fan von frei zugänglichen Informationen und Open Source. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Abhängigkeit von grossen Technologiekonzernen und proprietärer Software immer weiter akzentuiert. Abo-Modelle und Software-as-a-Service in der Cloud drängen Nutzer zunehmend in Abhängigkeit und Überwachung. Es ist ein Szenario, das schon fast in Richtung Cyberpunk geht – und das vielleicht bald nicht mehr Science-Fiction ist.

Ich möchte meinem Kind eine Alternative zeigen. Mit Linux lernt es, dass es Wahlmöglichkeiten gibt. Dass man nicht auf die Systeme der Grosskonzerne angewiesen ist. Dass Technologie auch Unabhängigkeit, Durchsetzungsvermögen und sogar Rebellion bedeuten kann. Es soll verstehen, dass es Technologie kontrollieren kann – und nicht umgekehrt.

Warum dieser Aufwand? Weil ich nicht einfach einen Computer mit unbegrenztem Internetzugang geben wollte. Gleichzeitig möchte ich es langsam ans Digitale heranführen – das Programmieren beibringen, beziehungsweise das analytische Denken dahinter. Und zeigen, dass es Alternativen zu den vorgegebenen Pfaden gibt.

Das Dilemma

Klar, das A und O ist, das Kind zu begleiten, so wie bei den Hausaufgaben. Aber schnell kommt dann das Interesse an allem anderen, was man mit dem Computer machen kann. Immer nebenbei zu sitzen, insbesondere wenn es nicht für die Schule ist, kostet viel Zeit.

Eine andere Lösung ist natürlich, das Betriebssystem und die Zugänge so zu reglementieren, dass es nichts anderes machen kann als von mir bestimmt. Dies ist aber eine sehr naive Herangehensweise. Letztlich lernen Kinder schnell, solche Werkzeuge zu umgehen. Und ehrlich gesagt glaube ich: Wenn sie das schaffen, sind sie auch reif dafür, selbst mehr Kontrolle zu übernehmen. Das Umgehen von Beschränkungen ist ja selbst schon eine Form von Lernen – es zeigt technisches Verständnis und Problemlösungskompetenz.

Es ist ein Balanceakt zwischen Schutz und Freiheit, zwischen Kontrolle und Vertrauen.

Die grösseren Fragen

In der heutigen Welt muss Kindern zwar nicht mehr gezeigt werden, wie ein elektronisches Gerät zu bedienen ist – aber es gibt ganz andere Herausforderungen:

  • Cybermobbing – digitale Gewalt unter Kindern
  • Sexting und Cyber-Grooming – Gefahren durch Fremde im Netz
  • Doom-Scrolling – der Sog endloser Feeds
  • Verifikation von Informationen – was ist wahr, was ist erfunden?
  • KI-generierte Inhalte – im KI-Zeitalter wird die Unterscheidung zwischen echt und künstlich noch schwieriger

Die Liste ist lang. Die Herausforderungen sind real. Und sie werden nicht weniger.

Schlimmer noch: Viele Erwachsene haben weniger Medienkompetenz als ihre Sprösslinge. Sie sind sich der Konsequenzen nicht bewusst – und werden selbst zu Opfern. Wie sollen wir unseren Kindern beibringen, sich zu schützen, wenn wir selbst jeden Tag unsere Daten bereitwillig in die Hände von Konzernen legen, auf Phishing-Mails hereinfallen oder nicht verstehen, wie Algorithmen uns manipulieren?

Mein Ansatz: Begleiten statt kontrollieren

Mein Ziel ist nicht, mein Kind vor allem zu schützen oder jeden Schritt zu kontrollieren. Mein Ziel ist, es zu begleiten. Ich möchte die Neugier am Umgang mit Computern fördern und helfen, selbst einen Weg zu finden, mit den Herausforderungen umzugehen.

Programmieren lernen heisst nicht nur Code schreiben – es heisst, Probleme zu zerlegen, logisch zu denken, kreativ zu werden. Es heisst, zu verstehen, wie die digitalen Werkzeuge funktionieren, die unseren Alltag prägen. Und wer versteht, wie etwas funktioniert, kann auch besser einschätzen, wo Gefahren lauern.

Der alte Laptop mit Linux und Pi-hole ist für mich ein Anfang. Ein geschützter Spielplatz, auf dem es erste Schritte machen kann. Aber es ist nur ein Werkzeug. Das Wichtigste ist, dass ich da bin – nicht als Aufseher, sondern als Begleiter.

Offene Fragen

Trotz aller Überlegungen bleiben viele Fragen offen:

  • Ab wann ist ein Kind wirklich bereit für soziale Medien? Welche und was?
  • Wie viel Schutz ist zu viel, wie viel Freiheit zu früh?
  • Wie bereitet man Kinder auf Technologien vor, die sich schneller verändern, als wir sie verstehen können?

Ich habe keine endgültigen Antworten. Aber ich glaube, dass der Dialog wichtig ist – mit seinem Kind, mit der Schule, mit anderen Eltern. Und dass wir als Eltern nicht perfekt sein müssen, sondern präsent.